|
|
 |
4. Österr. Workshop
"gebaut 2020 - wohnträume von heute?"
Zentrale Ergebnisse und Thesen
Die meisten der heute errichteten Gebäude werden in zwanzig Jahren immer noch stehen und erreichen zu diesem Zeitpunkt ihr erstes Reifealter. Es stellt sich die Frage, ob die nach heutigen Standards "innovativen" Gebäude überhaupt die Wohnwünsche ihrer Bewohner erfüllen und ob sie dies erst recht in zwanzig Jahren noch können? Ist der Wohnbau von heute überhaupt für die Zukunft gerüstet? Auf diesem Workshop wurde dem Thema "Zukunft des Bauens" die Gegenwart in Form von Wohnträumen der Bewohner gegenübergestellt. Gemeinsam mit Bauexperten wurde basierend auf den Ergebnissen von zwei Forschungsprojekten der Programmlinie "Haus der Zukunft" der Frage nachgegangen, wie zukunftsfähig der Wohnbau von heute eigentlich ist.
Wohnträume von heute
Im Projekt "Wohnträume - Nutzerspezifische Qualitätskriterien im innovationsorientierten Wohnbau" stehen die Bedürfnisse, Erwartungen und Zufriedenheit von Bewohnern im Mittelpunkt. Dazu wurden umfangreiche Umfragen und qualitative Interviews mit Bewohnern von 5 bereits realisierten, innovativen Wohnanlagen in Wien durchgeführt. Die zentralen Ergebnisse des Projektes wurden im e3building Expertenkreis diskutiert.
Bauen in der Zukunft
Das Projekt "Gebaut 2020 - Zukunftsbilder und Zukunftsgeschichten für das Bauen von morgen" thematisiert die Zukunft des Bauens durch die Auswertung von mittlerweile umfangreich vorhandenen Trends und Prognosen - vom Lifestyle bis zu Technologien, von der Bevölkerungsentwicklung bis hin zum Kühlschrank von morgen. Die Ergebnisse daraus wurden durch Interviews mit einer bunt zusammen gesetzten Runde von Experten ergänzt und anschließend zu einem facettenreichen Zukunftsbild "gebaut 2020" abgerundet. Die Rahmenbedingungen für das Bauen von morgen dienten als Diskussionsinput für die Veranstaltung.
Haus der Gegenwart
Welche Anforderungen stellen sich an das Haus der Gegenwart und die Bauwirtschaft im besonderen, um Gebäude für die Zukunft fit zu halten und dabei die Wünsche der Bewohner nicht aus den Augen zu verlieren? Eine Frage, der sich die Experten von e3building in einem Diskurs stellten.
Wie zukunftsfähig ist der Wohnbau von heute?
- Defizite im Massenwohnbau:
Der Massenwohnbau geht an den Möglichkeiten, die heute gegeben sind, vom soziologischen bis zum ökologischen, weitgehend vorbei. Beim Themenwohnen ist zwar gute Qualität vorhanden, dabei handelt es sich aber um einen geringen Anteil am gesamten Wohnbau. Es werden heute zahlreiche Ruinen von morgen gebaut, die in Zukunft automatisch Leerstände produzieren werden. Der derzeitige Wohnbau wird eher von der Rendite diktiert, die Betrachtungszeiträume sind dementsprechend kurzfristig gesetzt. Es werden aus den Projekten die wesentlichen Qualitäten herausgestrichen, die einen Wohnbau eigentlich langfristig und daher nachhaltig nutzbar, bewohnbar, vermietbar und verwaltbar machen. Motiv dafür ist ein "Bestehen können" auf dem Markt, das weitestgehend durch Standort und Geld bedingt wird. Eine kurzfristige Rendite bedingt das schlechte Bauen.
- Hohe Wohnqualität für jeden
Ziel muss es sein, jedem einzelnen eine lebenswerte und zugleich leistbare Wohnumwelt zu schaffen. Angebots- und Nachfragemarkt im Wohnbau müssen näher zusammenrücken, dies ist jedoch nur durch eine vernetzte Information möglich. Der Massenwohnbau braucht zuallererst eine grundsätzliche Orientierung, wer seine Zielgruppen sind und welche Themen für die Zukunft umgesetzt werden sollen. Dabei ist zu bedenken, dass ein suboptimaler Wohnbau die Leerstände von morgen schafft. Die zukünftigen Sanierungsfälle bauen wir zum Teil heute, weil Möglichkeiten, über die wir verfügen, nicht ausgereizt werden.
- Vielgestaltigkeit beim Bauen
DAS nachhaltige Musterhaus schlechthin gibt es einfach nicht. Ein oft geforderter Standard ist beispielsweise ein Passivhaus mit Holzfenster.
Möglicherweise ist aber ein Nicht-Passivhaus an einem guten Standort das nachhaltigere Gebäude. Und vielleicht gibt es Klienten, die ihre Fenster den ganzen Tag offen haben wollen. Auch für diese Kunden muss ein Objekt angeboten werden, das einen möglichst geringen Energieverbrauch hat.
Es ist eine "Vielgestaltigkeit" im Bauen erforderlich, die den durchaus unterschiedlichen Anforderungen und Bedürfnissen der Bewohner möglichst ressourcenschonend nachkommt.
- Der Kunde ist König!
Im Mittelpunkt der Überlegungen im Wohnbau muss der Kunde stehen. Es ist ein Wandel vom Wohnbauunternehmen zum Dienstleistungsunternehmen gefragt. Das heißt für Unternehmen, dass in Zukunft die Führerschaft bei der Frage der Instandhaltung und des Neubaus eines Gebäudes eindeutig nicht in den Bauabteilungen liegen muss, sondern in den kundenbezogenen Abteilungen - in der Wohnungsverwaltung und im Wohnungsmarketing. Es werden bereits heute die Marketingabteilungen stark mit den Bauabteilungen gekoppelt. Das ist deshalb sinnvoll, weil es heute nicht mehr das Stangenprodukt "Wohnung" gibt.
- Wohnungs- und Wohnumfeldqualität
Für den Bewohner sind drei Qualitätsbereiche im Bauen und Wohnen ganz wesentlich, die in drei konzentrischen Kreisen beschrieben werden können: Der erste Kreis ist die Wohnung selbst, was sie kann und was ihr Preis-Leistungsverhältnis ist. Der zweite Kreis betrifft das engere Umfeld wie Gemeinschaftseinrichtungen und Freiräume innerhalb der Wohnhausanlage. Der dritte Kreis ist der Bezirk oder das Grätzel und die darin enthaltenen Verkehrsanbindungen, Freiräume, Infrastruktur etc. Alle diese drei Qualitätsbereiche sind ganz wesentlich für die Zukunftsfähigkeit im Bauen und Wohnen und lassen sich nicht gegeneinander ersetzen.
Während der Bauträger für die Wohnung und das enge Wohnumfeld wie Grünraum der Wohnhausanlage eigentlich selbstgestaltend sein kann, fehlt es ihm an Handlungsmöglichkeiten in der Veränderung oder der Herstellung der Infrastruktur des unmittelbaren Stadtgebietes, weil es sich dabei um Aspekte des Städtebaus handelt. Hier liegt die Verantwortlichkeit bei der öffentlichen Hand, die diesen dritten konzentrischen Kreis für den Bewohner attraktiv und damit zukunftsfähig gestalten muss. Die Umfragen im Projekt "Wohnträume" bestätigen, dass das Wohnumfeld bzw. der Standort für die Bewohner von höchster Bedeutung ist. Mit einer 75prozentigen Nennungshäufigkeit ist das Wohnumfeld die Nummer zwei der Entscheidungskriterien für eine Wohnung - unmittelbar nach dem Preis/Leistungsverhältnis.
Flexibler Wohnraum oder flexibler Bewohner?
- Geringe Wohnmobilität in Österreich
Behandelt man die Frage praxisnah, dann ist die Antwort: der flexible Wohnraum ist - im österreichischen kulturellen Kontext - der bedeutsamere und benötigt die größere Aufmerksamkeit. Diverse Umzugs- und Migrationsstudien zeigen, dass die Wohnmobilität in Österreich nicht so hoch ist wie im angelsächsischen Raum. Der Kunde bzw. Käufer oder Mieter will eigentlich möglichst lange in der Wohnung bleiben und dort unter Umständen sogar alt werden. In Hinkunft sollte dem flexiblen Wohnraum in Österreich die größere Bedeutung zukommen. Der Wohnraum muss innerhalb des Wohnungsverbandes flexibel und umrüstbar sein, beispielsweise wenn Kinder kommen, wenn Kinder ausziehen, wenn verschiedene andere Funktionalitäten gefragt sind, wie Wohnen und Arbeiten am einem Ort.
- Dienstbare Gebäude
Gebäude müssen in der Lage sein, Dienste aufzunehmen und sie müssen robust gegenüber der Nachfrage sein. "Futur homes" und "technical homes" sind keine dienstbaren Gebäude, sondern "Techno-Gebäude", die lediglich Dienste beinhalten. Dienstbarkeit berücksichtigt vielmehr, dass jemand heute Gebäudedienste nachfragt und in 10 Jahren möglicherweise andere Leistungen benötigt als heute, weil sich die Bedürfnisse ändern. Ein Gebäude muss diese Dienstbarkeit haben, damit es auch in Zukunft noch die unterschiedlichen Bedürfnisse aufnehmen kann. In diesem Zusammenhang ist auch von "Smart Technology" im Projekt "gebaut 2020" die Rede. Dazu ist es notwendig, nicht ausschließlich in Richtung baulich-technische Flexibilität zu schauen, sondern neue Formen der Flexibilität zu suchen. Gebäude sollen adäquate Hüllen oder Möglichkeiten darstellen, verschiedenste Bedürfnisse der Nutzer auch in Zukunft aufnehmen zu können. Flexibilität bedeutet also nicht bloß verschiebbare Wände oder neu gestaltbare Fassaden.
Ziele und Prioritäten für die Zukunft setzen
Den Herausforderungen für das Bauen und Wohnen in der Zukunft wird man sich nach Meinung der Expertenrunde nur stellen können, wenn ein Bündel von Zielen formuliert wird. Die Ziele sollten nicht nur technische und bauliche Bereiche im engeren Sinn betreffen. Ein Ziel könnte beispielsweise auch die Verringerung der einkommensmäßigen Segregationen in Wohngebieten sein oder die Nachhaltigkeit der Stoffströme.
Situationsanalysen über die sozialen und ökologischen Defizite des Massenwohnbaus sind erforderlich, um Ziele und Prioritäten für zukunftsfähige Wohnprojekte abzuleiten. Bei den Zieldefinitionen geht es auch sehr stark um städtebauliche und baukulturelle Bekenntnisse.
Resümee
Zukunftsfähiger Wohnbau heißt vielfältigen Lebensraum für unterschiedliche Lebensstile, unterschiedliche Nutzungsformen und unterschiedliche Bedürfnisse schaffen. Dazu muss das heutige Gebäude in möglichst jeder Hinsicht ein optimales Gebäude sein. Denn das beste Haus der Zukunft ist das qualitätsvolle Haus der Gegenwart.
|
 |
 |
download |
|
|
|